Das depressive Dilemma und Wege aus der Zwickmühle

Viele Menschen fragen sich, warum Depressionen so hartnäckig sind, oft monatelang und auch jahrelang dauern. Es dürfte (auch) mit einem Dilemma zu tun haben, in dem sich depressive Menschen befinden. Es ist das ambivalente Spannungsfeld zwischen der Abwertung des Augenblicks und der Idealisierung einer Zukunft, die so nie kommen wird. Erschwerend kommt es häufig zu der Romantisierung einer Vergangenheit, die natürlich nie wiederkommen wird.

Warum sind viele Depressionen so hartnäckig? Weil die Vergangenheit geändert und eine irreale Zukunft wie aus dem Katalog bestellt werden soll

Depressive Menschen verharren in einem unauflöslichen Spannungsfeld. Sie oszillieren oft zwischen einer nachträglich romantisierten Vergangenheit (oder der engen Verbundenheit mit Traumata) und einer Zukunftsvision, die so überragend groß und ideal ist, dass sie unerreichbar bleibt.

Warum ist die Starre der Depression ein Lösungsversuch – und kein Problem?

  • Die Vergangenheit ist nicht reanimierbar: der berühmt-berüchtigte tote Gaul.
  • Das Phantasma einer mühelos herstellbaren, sorgenfreien Zukunft ist und bleibt irreal. Es ist wichtig, kraftvolle Zukunftsvisionen zu haben – aber auch die Ressourcen zu beachten.
  • Die Gegenwart wird somit zum Vakuum, zum Warteraum für einen niemals von alleine eintretenden Zustand. Auch Psychopharmaka stellen keine Zukunft her.
  • Nichts zu tun und nichts zu fühlen erscheint somit als die am wenigsten schmerzhafte Alternative zur heftigen und heilsamen Erkenntnis:

Die Vergangenheit ist vorbei – die Zukunft ist im nächsten Moment da: als das Ergebnis meines Denkens und Handelns im Jetzt.

Was macht depressiv? Übersicht der entscheidenden Haltungen zum Leben und den unmittelbaren Auswirkungen auf den nächsten Moment, die nächsten Stunden, Wochen, Monate und Jahre.

Idealisierung / Überhöhung von Momenten vor oder nach der Gegenwart.Beschreibung der Gegenwart:Beschreibung der Zukunft:Wirkung auf den depressiven Zustand:
Damals war es besser. Warum kann ich die Vergangenheit nicht ändern?Jetzt ist es schlecht.Es wird schlecht bleiben.Stabilisierung des Zustandes
Schon lange träume ich von einem Leben, in dem ich alle meine Träume verwirkliche und (fast) ohne Sorgen und Mühen lebe.Jetzt ist es schlecht.Wie soll ich all das in Zukunft jemals schaffen? Das ist zuviel für mich.Stabilisierung des Zustandes

Worauf konzentrieren sich depressive Menschen?

Depressive Menschen stellen in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit, dass es anders sein müsse: das Leben. Sie assoziieren (verbinden) mit einem besseren, attraktiveren Leben (unbewusst) eine Vielzahl von Bedingungen.

  • Erst wenn ich stark genug bin, stehe ich aus dem Bett auf.
  • Erst wenn „mein Antrieb“ wieder da ist, mache ich mich auf den Weg (lesen Sie hierzu den Beitrag zur Antriebslosigkeit).
  • Erst wenn meine tiefe Traurigkeit weg ist, kann ich mich wieder am Leben erfreuen.

Falsch. Es ist genau andersherum. Die Kraft kommt aus der Bewegung, der Antrieb entsteht auf den ersten Millimetern der Selbstmobilisierung, die Traurigkeit nimmt ab, je mehr ich mich aktiv dafür entscheide und es praktiziere, mich zu erfreuen. Sich zu erfreuen hat etwas mit dem schönen alte Wort „sich erbauen“ zu tun. Man kann sich durchaus in ein Phänomen wie die Freude über etwas regelrecht hineinsteigern.

Was glauben Sie, was das mit Ihren Botenstoffen im Gehirn macht?

Milton Erickson Aufmerksamkeit Hypnose

Woraus konzentriert sich ein depressiver Mensch vor allem?

Wie sind Veränderungen des Dilemmas möglich?

Dank ist ein zentraler Schlüssel für Veränderung. Dank vertreibt die Angst und auch die Unzufriedenheit.

Warum wirkt Dankbarkeit antidepressiv?

  • Dankbar kann ich nur für das sein, was ist.
  • Ich kann nicht für das danken, was nicht ist.

Denken Sie jetzt – und was ist mit dem, was war?

Ich kann dankbar sein auch für das, was ich heute aus vergangenen Zeiten in mir trage:

  • Erfahrenes, Erfahrung, Erfahrungen
  • Erlerntes
  • Gesehenes
  • Gehörtes
  • Empfundenes
  • Entdecktes
  • Lebendigkeit von Begegnungen, die ich mir jederzeit vergegenwärtigen kann.

Indem ich mich aktiv daran erinnere, lasse ich es im Hier und Jetzt wieder lebendig werden. In diesem Moment ist es also gegenwärtig, auch wenn sein Ursprung in der Vergangenheit liegt. Auch für diese Möglichkeit kann (und sollte) ich dankbar sein.

Welche Dankbarkeit ist außerdem wichtig?

Die Dankbarkeit im Sinne der Anerkennung eigener Kraftanstrengung ist entscheidend, um aus dem Dilemma der Depression auszusteigen.

„Wie soll ich dankbar sein, wenn ich gescheitert bin?“
Erstens sind Sie nicht immer gescheitert. Niemand ist sein Leben lang gescheitert. Etwas gelingt immer. Fangen wir mit einer Liste an:
  • Was muss in Ihrem Leben schon gelungen sein und bis heute gelingen?
  • Die Atmung. Denn Sie leben offensichtlich.
  • Der Stoffwechsel. Denn Sie leben.
  • Das Lesen – sonst könnten Sie dies hier nicht verstehen.
  • Das Finden von Informationen (sonst wären Sie nicht auf diese Internetseite gekommen).
  • Der Aufbau einer Vorstellung von einem besseren Leben, das Sie selbst gestalten (sonst hätten Sie nicht nach so etwas wie alternativen Wegen für den Umgang mit der Volkskrankheit Nr. 1 gesucht).
  • Es ist entscheidend, dass Sie alle Ihre Anstrengungen würdigen und sich bei sich selbst bedanken. Auch wenn das momentan noch ein merkwürdiges Gefühl sein sollte. Gerade dann.

Für Dank gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Er findet im Jetzt statt.

Dankbarkeit bezieht sich auf das vorhandene und verfügbare Leben und das Lebendige. Gelebtes, lebendiges Leben wiederum ist das Gegenteil von Depression.

Depression ist der Wunsch nach Abwesenheit des aktuellen Lebens bzw. Momentes – in der Erwartung, ein anderes, besseres Leben würde an der Haustür klingeln und um Einlass bitten.

Dilemma-Auflösung durch positive Desillusionierung und positive Erwartungsenttäuschung

Es wird niemals ein Medikament (Psychopharmakon, Nahrungsergänzungsmittel usw.) auf den Markt kommen, das stellvertretend für mich:

  • mein Leben lebt
  • mein Leben liebt
  • meinen Dank empfindet
  • meine Freude erlebt
  • meine Zuversicht sieht
  • meine Kraft fühlt
  • mein Mitgefühl mit mir ausdrückt
  • meine Sehnsuchtsziele mit dem Leben in Einklang bringt (der Begriff Sehnsuchtsziele geht auf Dr. Gunther Schmidt zurück)

Es wird keine Psychotherapeutin, kein Psychotherapeut und niemand aus dem Berufsstand der Psychiater ersatzweise für mich mein Leben leben oder entscheiden können, was für mich gut ist.

Warum ist diese Desillusionierung eine positive Erwartungsenttäuschung?

Der sich depressiv präsentierende Mensch hat die lähmende Erwartung, dass von außen eine Heilung – gleichsam wie bei einer Reparatur – von seiner Niedergeschlagenheit erfolgen müsse.

Während der Mensch dies erhofft, verlangt und erwartet, vergeht ein beträchtlicher Teil seines Lebens.

Ohne eine positive Veränderung.

Man wartet, dass das Antidepressivum wirkt. Und wenn es nicht wirkt, war das Mittel falsch. So kann man seine Zeit verbringen und sich immer tiefer in den Keller einer Erwartung begeben, aus dem es nur einen Weg gibt: die Anerkennung der eigenen Selbstwirksamkeit.

Die einzige Instanz weltweit für Stimmigkeit und Wohlergehen – bin für mich immer ich. Das heißt in Ihrem Fall, liebe Leserinnen und Leser:

Die einzig autorisierte Person für das, was Ihr gelingendes Leben ist, sind: Sie. Niemand sonst. Allein Sie können für sich selbstwirksam sein.

Sie können die Ratgeberliteratur der gesamten Welt durcharbeiten, Selbsterfahrung, Yoga, progressive Muskelentspannung usw. ausprobieren: Erst wenn überall in Ihnen angekommen ist, dass Sie die entscheidende Instanz für den Aufbau Ihres Lebensglücks sind, sind Sie auf dem Weg zum „mittendrin im Leben, in vollen Zügen.“

Johannes Faupel

Johannes Faupel

Autor: Johannes Faupel
Position: Partner im Zentrum für systemische Supervision Frankfurt

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