Außer sich sein: Dissoziation von sich als Hauptauslöser von Depressionen und Ängsten

Außer sich sein. Jemand sagt über sich: Ich war außer mir vor Angst, Wut, Zorn, Hilflosigkeit. Was heißt das: außer sich sein? Wörtlich genommen heißt es, nicht bei sich zu sein. Dissoziiert von den eigenen Kräften, nicht in sich ruhend, nicht in seiner Mitte. Wann befinden sich Menschen in solchen Persönlichkeitszuständen? Häufig dann, wenn sie anders sein wollen, als sie im Augenblick sind. Und wenn sie sich dafür abwerten, dass sie anders sind als sie von sich verlangen.

Außer sich sein

Außer sich sein: Sehen Sie die kleine Person in der Mitte der Aufregung? Wahrscheinlich nimmt sie sich selbst kaum noch wahr.

Wie gut ist ein Mensch zu sich, der außer sich ist, anders sein will, als er aktuell ist?

Ein Mensch, der sich für seine Situation, seine Gefühle, seine aktuelle Stimmung, Gesundheit und Kraft abwertet, behandelt sich schlecht. Schon durch die Abwertung selbst. Es ist ein sehr sicherer Weg in ein Tal aus Niedergeschlagenheit, wenn ein Mensch sich anders zu sein wünscht – ohne ein erreichbares Ziel vor Augen zu haben:

  • Innerhalb eines Jahres stabil 10 bis 15 kg abzunehmen, das kann ein sehr gutes Ziel sein
  • Ohne Training zum Marathon zu starten wird ein Misserfolg. Sich hier für das „Scheitern“ zu verurteilen, ist wie ein Ticket für eine Phase der Niedergeschlagenheit.

Womöglich ist dies der wichtigste Text zum Thema Depressionen und Ängste, den Sie im Internet finden können.

Warum das? Weil Sie hier eine der stärksten psychosomatischen Wechselwirkungen genauer verstehen können. Die Wechselwirkung zwischen inneren Bildern und Glaubenssätzen auf der einen Seite – und massiven psychosomatischen Reaktionen auf der anderen Seite.

Aber der Reihe nach. Es ist alles eine Frage der Bindungen (Assoziationen) und Trennungen (Dissoziationen).

Was ist eine Dissoziation?

Dissoziation kommt vom lateinischen dissociare = trennen, aufteilen. Was ist bei einer Dissoziation wovon getrennt? Im Extremfall alles von allem. In psychischen Ausnahmesituationen (Panikattacke, Psychose) können alle Verbindungen zwischen Impuls und Kontrolle vorübergehend verlorengehen. In der Literatur der Psychiatrie ist von einem Auseinanderfallen von im Alltag zusammengehörenden Wahrnehmungsphänomenen, Denkstrukturen und Handlungsabläufen die Rede.

Das Phänomen der Dissoziation ist auch bei weniger dramatischen Ereignissen zu beobachten. Zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch oder einer anderen Prüfungssituation. Sobald sich im Gehirn ein Übermaß an Stress aufbaut, übernimmt das Stresshormon Cortisol die Regie.

An sich ist das ein sinnvoller Überlebensmechanismus oder Automatismus. Denn in einer realen Gefahrensituation geht es nicht mehr um den Job als Abteilungsleiter oder die Abiturnote. Wenn es ums Überleben geht, fährt das Gehirn alle verzichtbaren Bereiche herunter.

Auch wenn in Prüfungssituationen keine Säbelzahntiger vorkommen: das Gehirn macht, was es machen muss. Stressüberschuss = Denkschluss.

Was löst Dissoziation bei Menschen mit Depressionen und Ängsten aus?

Ein depressiver oder überängstlicher Mensch ist offensichtlich nicht mit seinen Kräften und Ressourcen in Verbindung.

Das Hauptdilemma im Depressionsmuster ist die Abwertung des aktuellen Zustandes. Der Mensch wertet sich selbst ab. Oft reden sich Depressive in Grund und Boden. Sie trennen und entfernen sich damit aktiv von dem, was sie sonst liebenswert, zuversichtlich, vertrauenswürdig und kompetent wirken lässt: und zwar gegenüber sich selbst und anderen.

Mit der Abwertung der eigenen Person geht eine Heroisierung, eine Überhöhung der Menschen im Umfeld einher. Das Helfersystem wird idealisiert. Diesem wird alle Wirkmächtigkeit zugesprochen. Je mehr die Kompetenz im Außenbereich (außer mir) verortet wird, desto geringer ist die Wahrnehmung des Selbstwertgefühls.

Womit assoziiert sich ein Mensch, der sich als inkompetent und schwach erlebt?

Der inkompetent sich definierende Mensch assoziiert sich genau genommen mit – einem Nichts. Er versucht, anders zu sein, als er ist. Er versucht, sich zu verstellen. Dazu passen auch die gut gemeinten, aber kontraproduktiven Ratschläge von außen, man möge sich doch zusammenreißen.

Ein dauerhaft niedergeschlagener Mensch ist eng verbunden mit Idealbildern, die er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kurzfristig oder auch nie erfüllen kann. Dies ist eine der Hauptvoraussetzungen, eine Depression zu entwickeln.

Die negativ bewertete Soll-Ist-Differenz ist eine Grundvoraussetzung für depressives Erleben

 Was ist eine negativ bewertete Soll-Ist-Differenz?

  • Es sollte anders sein – und es ist schlecht, dass es ist, wie es ist.
  • Ich wäre gerne ein anderer Mensch, weil ich mich so nicht ertragen kann.

Diese beiden Beispiele mögen genügen, um die als Manko erlebte Diskrepanz zwischen dem, was ist und dem, was sein soll oder muss, zu erkennen. Es ist ein Dilemma.

Wie viel Selbstvertrauen hat ein Mensch, der psychische Heilung außerhalb von sich vermutet?

Natürlich traut sich ein Mensch kaum Selbstwirksamkeit zu, solange er einerseits außer sich vor z. B. Angst ist und gleichzeitig die Rettung vor den Angstattacken nur außerhalb von sich vermutet.

Wie nimmt sich eine Person wahr, die außer sich ist vor Angst?

Menschen mit Angstattacken spüren nicht mehr sich (also sich als Person, Organismus und Persönlichkeit), sondern beschreiben eine sie überflutende Angst. Sie sind wie durchdrungen von Ängsten, Befürchtungen, Katastrophengedanken. Dadurch verlieren sie vorübergehend die Kontrolle über ihren Körper. Ein Zittern (Tremor) setzt ein. Die Kontrolle über die eigenen Impulse nimmt ab, das Gehirn fährt auf Notbetrieb herunter. Zur Verfügung stehen: Angriff, Flucht oder totaler Rückzug (Totstellreflex, Starre, Katatonie, Katalepsie).

Welchen Einfluss hat Dissoziation auf die Gefühlsregulation?

Bei einer überwiegend bedrohlichen Umgebungswahrnehmung („Die Welt / die Zukunft ist gefährlich“) kommt es zu problematischen Persönlichkeitszuständen. Die Gefühle von Trauer oder Angst können den Menschen regelrecht einnehmen und überrollen (natürlich tun sie das nicht wirklich, aber der Mensch erlebt es so).

Ruine© Johannes Faupel
Außer sich sein
Stop© Johannes Faupel
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Johannes Faupel

Johannes Faupel

Autor: Johannes Faupel
Position: Partner im Zentrum für systemische Supervision Frankfurt