Depression ist keine harte Nuss

Eine Depression ist keine „harte Nuss, die es zu knacken gilt“ – eine andere Herangehensweise ist sinnvoll.

Was tun als Angehöriger einer depressiven Person?

Angehörige von Depressiven setzen sich oft unter erheblichen Druck. Sie wollen helfen, sehen aber alle ihre Liebe und Mühe im Erdboden versickern. Die gefühlte Hoffnungslosigkeit kann sich zeitweise auf den Lebenspartner, die Eltern oder die Kinder übertragen – je nachdem, wer die Symptome der Niedergeschlagenheit präsentiert. Es ist wichtig, dass Sie sich schützen und eine entscheidende Tatsache annehmen. Sonst kommt es zur Co-Depression.

Angehörige sind meistens keine Apotheker, Ärzte oder Psychiater – und das ist gut so

Im häuslichen Umfeld von Menschen mit Antriebsmangel, Interessensverlust, Freudlosigkeit und vermindertem Selbstwertgefühl kommt oft eine enorme Hilfsbereitschaft auf. So bewundernswert dies einerseits ist – es kostet enorme Kraft, und der Gewinn für die Person im Zustand von Traurigsein ist meistens sehr gering.

Wie können Sie sich als nahestehende Person vor Überforderung schützen?

Machen Sie diese einfache Übung, um sofort die eigenen Grenzen zu erkennen – und zu spüren:

  • Stehen Sie bitte auf und strecken Sie Ihre Arme rechts und links von sich aus (T-Pose). Soweit es geht.
  • Strecken Sie auch die Finger aus.
  • Bewegen Sie nun die Finger.
  • Jetzt drehen Sie bitte den Kopf und blicken Sie zur rechten Hand. Dort ist Ihr rechtes Ende.
  • Dann drehen Sie den Kopf nach links und sehen den Fingern Ihrer linken Hand zu, wie Sie sie bewegen.

Sehen Sie nach rechts und links auf Ihre ausgestreckten Arme: Genauso weit reichen Sie. Keinen Millimeter weiter.

Nun stellen Sie sich vor, Sie sollten unbedingt mit einem Ihrer Arme einen Gegenstand außerhalb der Spannweite Ihrer Arme hochheben. Zum Beispiel in einem anderen Zimmer. Bleiben Sie dabei stehen, wo Sie sind. Ihre Position im Raum steht sinnbildlich für Ihre Position im Leben: Ihre Familie, Ihre Wohnsituation, Ihre verfügbaren Kräfte und Nerven. Sie können das nicht einfach ändern.

Wie fühlt es sich an, sich zu überfordern?

Bleiben Sie in der T-Position, wie eingangs in der Übung beschrieben. Fühlen Sie einen Moment in sich hinein. Was spüren Sie, wenn Sie sich mit aller Entschiedenheit vornehmen, ja sogar befehlen, von Ihrem Standpunkt aus etwas außerhalb Ihres Bewegungsradius, außerhalb Ihrer Reichweite zu erreichen?

Nehmen Sie dieses Gefühl wahr. Es ist entscheidend, dass Sie diese einfache Übung immer wieder machen, um sich vor Überforderung zu schützen.

Kann man sich mit Depressionen anstecken?

Es handelt sich nicht um eine ansteckende Krankheit wie etwa eine Infektion. Und doch: Im Umfeld depressiver Menschen können co-depressives Verhalten und Erleben auftreten. Das Letzte, was Sie als Partner, Mutter, Vater oder Kind einer Person mit der ICD-10-Diagnose F-32 noch gebrauchen könnten, wäre eigene Hoffnungslosigkeit.

Es gibt Fälle, in denen nahestehende Personen ebenfalls in tiefe Trübsal versinken. Weil sie Gewissensbisse entwickeln, dass es ihnen besser gehe als der geliebten Person. Andere wieder erleben das Scheitern der privaten, von Herzen gut gemeinten Heilungsversuche als eine große Kränkung. Sogar das Phänomen der Verbitterungsstörung kann auftreten. Schließlich fragt man sich als nahestehender Mensch, warum es keinen Erfolg der eigenen Leistung gibt – genauer: warum der geliebte Mensch nicht endlich wieder lachen kann.

Es ist eine sehr schwierige Situation für Menschen aus dem nächsten Umfeld.

Wie fühlen sich Angehörige von Depressiven?

Die Gefühle nahestehender Personen können von Schmerz über Aggression bis Ohnmacht reichen. Und dazwischen gibt es eine große Bandbreite schwer einzuordnender Missempfindungen. Auch Achterbahnfahrten der Gefühle werden beschrieben.

Im Umfeld einer Person, die sich mehr oder weniger aus allem zurückzieht, entstehen viele Irritationen. Das ist natürlich. Es ist ein Zeichen von Gesundheit der Personen, die im Umfeld aktiv sind oder fassungslos zusehen, wie ihnen die Kontrolle entgleitet.

Sehen Sie sich diese Übersicht an. Prägen Sie sich ein, dass alle diese Gefühle „normal“ sind. Sie brauchen sich für nichts zu schämen oder gar zu verurteilen. So ein Zustand ist eine unerhörte Zumutung und für alle zu viel – auch für Helfersysteme.

Darf ich auf einen Depressiven wütend sein?

Alle Gefühle sind richtig, d. h. es gibt kein Gefühl, das falsch gefühlt wird. Die Frage ist jedoch, wie der Mensch mit dem umgeht, was er fühlt. Es ist ein natürlicher Vorgang, wenn wir ungeduldig werden bei einer Mammutaufgabe, die mit herkömmlichen Mitteln oft nicht zu lösen ist.

Wie wirkt es, wenn Sie Ihre Wut und Ihren Ärger neu einordnen?

  • Wenn Sie der niedergeschlagenen Person immer wieder begegnen und keine „Besserung“ erleben, nehmen Sie Ihre Enttäuschung bitte wahr.
  • Sagen Sie sich, dass es in Ordnung ist, wenn Sie betrübt sind.
  • Machen Sie sich immer wieder klar, dass Sie ein Mensch mit Grenzen sind
  • Gestehen Sie sich mitfühlend ein, dass Sie sehr gerne helfen würden – aber in der von Ihnen gedachten Weise momentan nicht helfen können
  • Machen Sie sich bewusst, dass sich Ihre Ungeduld und Ihre Wut nicht auf die geliebte Person beziehen, sondern auf eine Seite von ihr, die Sie momentan nicht erreichen können. Auf dieser Website von mir finden Sie genauere Informationen zu inneren Seiten und Ich-Zuständen – Ego-States.

Soll man einen depressiven Menschen in Ruhe lassen?

In Ruhe lassen kann man einen von Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen geplagten Menschen nicht, denn: Ruhe ist nicht vorhanden. Keineswegs darf man einen Menschen in einer solchen Ausnahmesituation sich selbst überlassen. Sonst können Gedanken an die Beendigung des Lebens nicht nur aufkommen, sondern in die Tat umgesetzt werden.

Wenden Sie sich an Ihren Hausarzt – und wenn hierfür keine Gelegenheit ist, rufen Sie die 112, damit man die betroffene Person vorübergehend im Krankenhaus versorgen kann.

Johannes Faupel

Johannes Faupel

Autor: Johannes Faupel
Position: Partner im Zentrum für systemische Supervision Frankfurt

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